Herrentag Begleitmaterial

WAHRHEIT UND FIKTION

Anmerkungen des Autors und Regisseurs Jochen Gehle

  • Herrentag ist ein auf Tatsachen beruhendes, fiktionales Theaterstück. Die Grundlage für den Text und die Inszenierung bildet eine intensive Recherche zu den 1990er Jahren in Magdeburg. Teils habe ich im Internet nach Zeitungsartikeln und Videomaterial gesucht. Ein Großteil des Textes basiert auf Gesprächen mit Zeitzeug*innen. Im Folgenden erkläre ich beispielhaft, wie sich der Text aus Wahrheit und Fiktion zusammensetzt.

    Herrentag ist ein Kunstprodukt. Ziel der Theaterproduktion ist es, das Lebensgefühl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Magdeburg zwischen 1990 und 1997 spürbar zu machen.

  • Es war mir wichtig, den Jugendclub Knast innerhalb des Projekts auftauchen zu lassen, auch wenn keine konkrete Geschichte innerhalb des Stücks dort spielt. Der Knast war in den 1990er Jahren ein Anlaufpunkt und Rückzugsort für Punks in Magdeburg. Aufgrund der geographischen Nähe zu Olvenstedt und Nord konnte der Knast aber auch schnell zum Angriffsziel werden. Auf den Dächern wurden Steine gelagert, um sich gegen einen Überfall von Neonazis wehren zu können.

  • Die erste Sprechszene des Stücks hat keine direkte Hintergrundgeschichte. Andi erzählt über das Grundgefühl der damaligen Zeit und beschreibt die allgegenwärtige Gefahr.

  • Die Figur „der Junge“ ist frei erfunden. Mir ging es darum zu zeigen, wie der Start eine rechtsradikalen Biografie aussehen könnte. Es war wichtig, den Einheitsfeiertag zu benennen, über den die Figur erzählt, weil mit der deutschen Wiedervereinigung auch eine deutliche Zunahme an rechtsradikaler Gewalt einherging. Bei der Beschreibung vom Singen des Deutschlandlieds von Nazis vor einem Gastarbeiter*innenwohnheim bin ich mir selbst nicht mehr sicher, ob ich das erfunden habe, oder ob ich diese Geschichte nicht doch irgendwo gelesen oder gehört habe.

  • Andi unterbricht den Film um klarzustellen, dass es an diesem Abend nicht um Täterbiografien gehen wird. Das bedeutet nicht, dass ich mich als Autor nicht irgendwann intensiver mit der Täterperspektive beschäftigen möchte und werde. Aber der Beginn der Auseinandersetzung musste in meinen Augen die Würdigung der Opfer sein. Die Erzählung von der Gewalterfahrung am Hauptbahnhof und der unterlassenen Hilfeleistung der Taxifahrer*innen liegt einem Zeitzeugenbericht zugrunde.

  • Die Figur „Der Polizist“ ist frei erfunden. In Vorbereitung auf die Arbeit habe ich nicht mit Polizist*innen gesprochen, die in den 90er Jahren im Dienst waren. Das Versagen der Polizei ist an unzähligen Situationen nachgewiesen. Allerdings ist mir wichtig festzuhalten, dass es zunächst ein strukturelles Versagen war. Die neue, ungewohnte, westdeutsche Organisationsform, schlechte Ausbildung und Ausrüstung waren die Grundlagen, aus der persönliches Versagen resultierte wie beim Überfall auf die Elbterrassen.

  • Textauszug:
    Andi: 9. Mai 1992

     —

    eineinhalb Monate später wird die

    auf Jahre hin unschlagbare deutsche Nationalmannschaft

    bei der nächsten Europameisterschaft im Finale geschlagen

    von Dänemark

    Dänemark

    9.Mai 1992

    10 Grad

    abends kälter

    Elbterrassen Magdeburg

    um 10 nach 11 kriegen die Zecken auf ́s Maul

    Baseballschläger

    Kann mal

    Stahlrohre

    Kann mal jemand

    Leuchtkugeln

    Kann mal jemand die Polizei?

    Die Polizei schaut zu

    und sieht weg

    aus sicherer Entfernung

    eine Mauer weiter

    das:

    und:

    hören sie dort nicht?

    Lampe auch nicht

    Lampe tanzt

    seinen letzten Tanz

    im Kopf eine Zukunft

    „Hey ich mach rüber in ́n Westen

    ne Lehre Alter

    Pflanzen pflanzen!“

    „Wie jetzt?

    Arbeiten??

    Du???“

    „Der Kapitalismus frisst uns alle!“

    „Ich fass es nicht...

    Wo den eigentlich?“

    „NRW Mann!“

    „NRW???

    „Nackt! Revolte! Wodka!

    Gibt’s da überhaupt Punks?“

    „Keine Ahnung

    wenn ich da bin schon

    weil hey:

    Punk bleibste für immer!“

    Schlag 1:

    Klack!

    Schlag 2:

    Klack!

    aus seiner aufgebrochenen Schädelbasis

    verschwindet sein Leben

    zwei Tage später ist er tot

     

    Die „auf Jahre hin unschlagbare deutsche Nationalmannschaft“ bezieht sich auf eine Aussage von Franz Beckenbauer. Als Teamchef der deutschen Fußballnationalmannschaft stellte er nach dem Gewinn der WM 1990 fest, dass das Team nach der Wiedervereinigung durch den Zuwachs an talentierten Spielern aus Ostdeutschland jahrelang unschlagbar sein würde. Die Darstellung von Torsten Lamprecht basiert nicht auf Gesprächen mit Personen, die ihn kannten. Die Figurenzeichnung ist ein künstlerischer Entwurf. Torsten soll während des Überfalls auf das Lokal Elbterrassen auf der Tanzfläche überrascht und durch zwei Schläge mit einem Baseballschläger tödlich verletzt worden sein.

  • In Erinnerung an Torsten Lamprecht werden Zeitungsschlagzeilen gezeigt, die sich mit seinem Tod beschäftigen. Die Reihenfolge der Präsentation ist bewusst nicht chronologisch.

  • Die Figur „Der Sportlehrer“ ist frei erfunden. Es ging mir darum ein Beispiel zu zeigen, wie sich erwachsene Personen in den 90ern hätten verhalten können. Inhaltlich beruht der Text aber auf Beschreibungen von Zeitzeug*innen, wenn zum Beispiel das Verhalten beim Straßenbahnfahren oder bei quietschenden Autoreifen beschrieben wird. Auch die Geschichte über die Bitte der Schulleitung, nicht am Schulfest teilzunehmen, mit der Begründung, keinen Schutz bieten zu können, folgt dem Bericht eines Zeitzeugen.

  • Die Idee für diese Figur bestand darin, eine politische Rede zu schreiben, die nach den sogenannten Himmelfahrtskrawallen 1994 hätte gehalten werden müssen. Am Ende des Films wechselt der Text in das Originalzitat des damaligen Polizeipräsidenten.

  • Textauszug:
    Andi: 12. Mai 1994

     —

    zwei Monate später wird die

    auf Jahre hin unschlagbare deutsche Nationalmannschaft

    bei der nächsten Weltmeisterschaft im Viertelfinale geschlagen

    von Bulgarien

    Bulgarien

    12.Mai 1994

    wolkig

    13 Grad

    später wärmer

    Himmelfahrt in Magdeburg

    Tag der Herren

    Alkohol löst keine Probleme

    wie Arbeitslosigkeit

    Zukunftsangst

    Empathielosigkeit

    Alkohol bringt die jungen Frauen nicht zurück

    die in den Westen sind

    mit Arbeit

    Zukunft

    und Empathie

    Alkohol entfesselt

     

    Und treibt die treibenden Herrenmenschen an

    die Untermenschen durch die Stadt zu treiben

    Pech gehabt hat jede Person

    der du keine deutsche Heimat ansiehst

    kann mal jemand die Polizei rufen?

    Die Polizei schaut zu

    wartet ab

    verhaftet Opfer, die sich wehren

    „Sonne und Alkohol“ begründet später der Polizeipräsident

    ursächlich sei, dass die bedrohten Afrikaner nicht sofort

    „wie man es hätte erwarten können“

    vor den „Hooligans“ die Flucht ergriffen

    Flucht

    immer wieder dieses Wort

    das so viel Inhalt hat in diesem Land

    gefüllt wurde mit Erlebnissen

    über Generationen hinweg

    am eigenen Leib erfahren wurde

    und dann doch wieder

    die Anderen

    in die Flucht geschlagen werden

    um die Heimat zu schützen

    was ist das

    Heimat

    Identität

    die selbst erlebte innere Einheit der Person

    wie kann man denn eins mit sich sein

    wenn man sich nur im Hass auf andere spürt

     

    Die Auseinandersetzung mit dem Pogrom am Himmelfahrtstag 1994 innerhalb von Herrentag ist kurzgehalten. Das Thema Rassismus ist sehr umfangreich und im Rahmen dieser Theaterinszenierung nicht annähernd detailliert genug besprechbar. Ich wollte das Thema benennen und die Härte verdeutlichen, der „von Rassismus betroffene Personen“ ausgesetzt waren und sind. Allerdings geht es auf dem Theater bei diesem Thema nicht mehr darum, „über“ Rassismus zu sprechen, sondern „von Rassismus betroffenen Personen“ die Möglichkeit zu geben, über sich selbst zu sprechen. Das war innerhalb dieses Projekts leider nicht möglich.

    Die Geschichte von dem gewaltsamen Übergriff im Zug und dem „aus dem Zug drücken der Köpfe“ während der Fahrt entspricht einem Zeitzeugenbericht.

  • Auch hier sind die Zeitungsartikel nicht chronologisch geordnet.

  • Die Figur „Der Beobachter“ orientiert sich an meiner eigenen, westdeutschen Perspektive. Die Gewaltbeschreibungen folgen Zeitzeug*innenberichten. Die Geschichte über das Verstecken von weiblich gelesenen Personen und Tieren auf dem Dachboden ist ebenso wahr wie der Hinweis, dass die gegenüberliegende Polizeiwache keinen Schutz bot.

    Hier noch eine weitere Anmerkung: Auch das Beschreiben der Perspektive von weiblich gelesenen Personen in den sogenannten „Baseballschlägerjahren“ findet wegen der Komplexität der Thematik an diesem Abend bewusst nicht statt, um nicht verkürzt dargestellt zu werden.

    Insgesamt ist der Themenkomplex sehr gewaltig und die Produktion „Herrentag“ erst der Anfang der Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Stadtgeschichte Magdeburgs durch die Kammerspiele Magdeburg.

  • Textauszug
    Andi:

    Moment mal

    warte

    ich bin

    ich bin damals gar nicht raus aus der Bahn

    die Glatzen haben mich angepöbelt

    ich bin bis zum Krankenhaus gefahren

    weil ich Angst hatte

    dass mir die Hand abfault

    da war es schon nachts

    dann bin ich zurück zur Bahn

    es war kalt

    krass kalt

    hab gar nicht genau gesehen

    woher die kamen

    hab die Stiefel gehört

    auf den Betonplatten

    dann schlägt mein Kopf darauf auf

    und um mich ist so ein Summen

    als wäre alles irgendwie

    weiter weg

    nicht real

    Stiefel trifft Kopf

    Tritt 1

    das Summen wird lauter

    Tritt 2

    „Zecke verrecke!“

    Tritt 3

    Angst

    Tritt 4

    kann mal

    Tritt 5

    kann mal jemand

    Tritt 6

    kann mal jemand die Polizei

    Tritt 7

    bitte

    Tritt 8

    hör

    Tritt 9

    auf

    Tritt 10

    Stille

    tiefes Atmen hinter mir

    ich liege auf dem Bauch

    ein Körper beugt sich über mich

    dann spüre ich ein Brennen im Rücken

    Stich 1

    Messer?

    Stich 2

     

    Messer??

    Stich 3

    Messer???

    Stich 4

    Stich 5

    Stich 6

    Stich 7

    Die Darstellung von Frank Böttcher basiert nicht auf Gesprächen mit Personen, die ihn kannten. Die Figurenzeichnung ist ein künstlerischer Entwurf. Die Beschreibung der häuslichen Gewalt entspricht ebenso der Wahrheit wie das Leben in unterschiedlichen Kinderheimen. Der Überfall auf die Wohnung seines Bruders passierte in zeitlicher Nähe zu Franks erstem Todestag.

    In der Nacht seines Todes fuhr Frank ins Krankenhaus Olvenstedt, weil seine Ratte Speedy ihn gebissen hatte. Frank soll durch mindestens 10 Tritte gegen den Kopf und 7 Messerstiche umgebracht worden sein.

  • Im Abspann laufen die Namen der Todesopfer rechtsradikaler Gewalt in Sachsen-Anhalt zwischen 1990 und 2020.